Bericht des Direktors
 

Mit der feierlichen Eröffnung des KCCR an der School of Medical Sciences der University of Science and Technology in Kumasi, Ghana, am 19. Februar 1998 hat das Bernhard-Nocht-Institut (BNI) einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zur dauerhaften Verankerung seiner Arbeiten in den Tropen gesetzt. Dem Institut steht nun wieder eine ständige Einrichtung zur Verfügung, die es erlaubt, langfristige Projekte mit der Universität von Kumasi durchzuführen, persönliche Kontakte zu Wissenschaftlern und der Regierung des Gastlandes aufzubauen und durch Zusammenarbeit Ausbildung und technische Entwicklung zu fördern. Die Republik Ghana und die Freie und Hansestadt Hamburg hatten im Oktober 1997 in einem Staatsvertrag vereinbart, daß in der Einrichtung des "Kumasi Centre for Collaborative Research in Tropical Medicine" (KCCR) Forschungsprojekte in Kooperation mit ghanaischen Wissenschaftlern durchgeführt werden. Der Einladung zur Eröffnung des KCCR folgten u.a. die Ministerin für Gesundheit der Republik Ghana, Frau Dr. med. Eunice Brookman-Amissah, der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Herr Christian Nakonz, und ein Gesandter von Otumfuo Opoku Ware II Asantehene, dem König der Ashanti. Die freundschaftlichen Beziehungen wurden weiter vertieft während eines Besuches der Ministerin im BNI in Hamburg vom 17. bis 20. Mai 1998.

Das Advisory Board des KCCR konstituierte sich anläßlich der Eröffung. Als Vorsitzender konnte Prof. Dr. Ing. Frank O. Kwami gewonnen werden. Nach Studium, Promotion und Assistentenzeit in West-Berlin war er Professor für Ingenieurwissenschaften an der Universität von Kumasi, Dekan der Ingenieurwissenschaftlichen Fakultät und später langjähriger Rektor der Universität von Kumasi. Weitere Mitglieder des Advisory Boards sind der Dekan der der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Dr. George Brobby, als Vertreter des Rektors der Studiendekan und Pharmakologe Prof. Dr. Arthur C. Sackeyfio, Prof. Dr. Rolf Horstmann als Leiter der Kommission für Forschung in den Tropen und der Direktor des BNI. 1998 fanden zwei Sitzungen des Advisory Boards statt, die von konstruktiver und vertrauensvoller Zusammenarbeit geprägt waren.

Ein weiterer entscheidender Schritt war die im März 1998 erfolgte Bewilligung von insgesamt 2.2 Millionen DM für Projekte des BNI in den Tropen durch die Volkswagen-Stiftung, darin sind Mittel für Errichtung und Einrichtung eines Gebäudes für das KCCR enthalten. Zusammen mit den Mitteln der Träger des BNI sichert diese Bewilligung den Ausbau des KCCR.

In Kumasi wurden 1998 Projekte zur Erfassung der Endemizität und zur Genetik der Malaria und Untersuchungen zum Einfluß genetischer Faktoren auf die Ausprägung der Onchozerkose und zur Prävalenz der Amöbiasis durchgeführt.

Zusätzlich bewilligte die Volkswagen-Stiftung drei weitere Kooperationsprojekte in den Tropen:

  1. Die Suche nach der Ursache der extrem hohen Inzidenz von Amöbiasis und von Amöbenleberabszessen in Hué, Vietnam, zusammen mit der Medizinischen Fakultät der Universität von Hué. 
  2. Die Aufklärung der Inzidenz und der Übertragung des Lassa-Virus im Regenwald von Guinea zusammen mit der Universität von Conakry. Die Verbreitung der Infektion anhand der Seroprävalenz, das Vorkommen verschiedener Lassa-Virusstämme und die Ausprägung der zellulären Immunität wird untersucht. 
  3. Zusammen mit dem Central Drug Research Institut in Lucknow, Indien, werden neue Chemotherapeutika gegen Malaria und gegen lymphatische Filariose entwickelt. Die Besonderheiten des Stoffwechsels der Parasiten werden benutzt, um Leitsubstanzen neuer Art für Medikamente zu entwickeln. Weitere Arbeiten, ebenfalls von der Volkswagen-Stiftung gefördert, werden an der Universität von Pernambuco in Recife, Brasilien, zur Immunologie der Chagas-Erkrankung sowie zur genetischen Grundlage der Empfänglichkeit für Bilharziose im Senegal durchgeführt.

Das Berufungsverfahren für die dritte C4-Professur des BNI wurde abgeschlossen. Eine Kommission aus Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirates, des Fachbereichs Medizin der Universität Hamburg und dem Direktor des BNI wählte Herrn PD Dr. Egbert Tannich aus den eingegangenen Bewerbungen auf Grund seiner überragenden wissenschaftlichen Leistungen aus. Herr Tannich hat den an ihn ergangenen Ruf angenommen. Diese Professur ist der "Molekularen Parasitologie" gewidmet und wie die zwei weiteren Lehrstühle des BNI ("Tropenmedizinische Grundlagenforschung", Inhaber R. D. Horstmann, und "Immunologie", Inhaber B. Fleischer) Teil des Fachbereichs Medizin der Universität Hamburg.

Das BNI hatte wie andere Institutionen unter Sparmaßnahmen zu leiden. Es mußte 1,5% seiner Stellen abbauen mit entsprechender Kürzung der Mittel. Außerdem mußte es 2,5% seines Gesamtetats an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) abführen, also etwa 450.000 DM. Da dieser Betrag aber nur aus flexiblen Titeln entnommen werden kann, ist der Prozentsatz an Mitteln für wissenschaftliches Personal und für Sachmittel sehr viel höher. Im Gegenzug erhielt das Institut die Möglichkeit, bei der DFG auch auf seinen Hauptarbeitsgebieten Anträge zu stellen. Eine Finanzierung dieser Arbeiten durch die DFG war bisher nicht möglich gewesen. Diese Abgabe ist ein Instrument des Wettbewerbs um Forschungsgelder, dem sich das BNI mit Erfolg gestellt hat, da von der DFG im Jahr 1998 insgesamt 2,01 Millionen DM wieder eingeworben werden konnten.

Die Klinische Abteilung erhielt 1998 erstmals einen eigenen, separaten Wirtschaftsplan, um der Forderung der Träger nach wirtschaftlicher Transparenz nachzukommen. Die Klinik, die sich nach wie vor aus Erlösen der Krankenkassen finanziert, ist und bleibt integraler und notwendiger Bestandteil des BNI. Eine erfreuliche Zunahme der Kooperationen zwischen Klinischer Abteilung und Forschungsabteilungen ist zu verzeichnen, insbesondere auf dem Gebiet der Malaria.

Auch 1998 wurden die Arbeiten von Mitgliedern des BNI wieder mit Preisen und Ehrungen ausgezeichnet. Nach zwei Preisen im vergangenen Jahr erhielt PD Dr. Matthias Leippe die Karl-Asmund-Rudolphi-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Parasitologie. An Frau Dr. Klara Tenner-Racz und Prof. Paul Racz wurde der angesehene AIDS-Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie verliehen. Mehrere Beiträge von jungen Mitarbeitern zu Tagungen wurden mit Preisen ausgezeichnet. Es habilitierten sich Frau PD Dr. Christine Skerka am Fachbereich Biologie, Herr PD Dr. Achim Hörauf am Fachbereich Medizin und Herr PD Dr. Thomas Marti am Fachbereich Chemie der Universität Hamburg. Frau PD Dr. Kimberley Henkle-Dührsen erhielt ein Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Erneut wurde ein Mitglied des BNI von einer Fachgesellschaft beauftragt, einen großen Kongreß zu organisieren: Prof. Herbert Schmitz leitete als Präsident die Tagung der Europäischen Gesellschaft für Klinische Virologie im September 1998 im Congress Center Hamburg mit etwa 600 Teilnehmern.

Kooperationen im Institut finden nicht nur auf wissenschaftlichen Gebieten statt. Junge Mitarbeiter des BNI organisierten z. B. im Sommer die dritte "Tropentrophy"-Rallye durch die Hamburger Innenstadt, an der 80 Mitglieder des BNI teilnahmen. Die Fußballmannschaft des Bernhard-Nocht-Instituts besiegte die Mannschaft des Tropenkurses mit 2:1.

Anfang 1998 verlor das BNI zwei Persönlichkeiten, die einen entscheidendenden Anteil an seiner Geschichte und größte Verdienste um seine Reorganisation erworben hatten. Herr Professor Hans J. Müller-Eberhard, Direktor des BNI von 1988 bis 1995, starb am 3. März 1998 in Houston, Texas. Professor Hans J. Müller-Eberhard hat das BNI geformt wie kaum ein anderer Direktor vor ihm. Herr Professor Paul Klein, langjähriger Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates des BNI in der kritischen Zeit der Reorganisation, verstarb am 20. März 1998 in Mainz. Beide Personen haben ihr Amt in einer für das BNI schwierigen Zeit übernommen und sind bis zu ihrem Tode dem BNI verbunden geblieben. Das BNI betrauert einen schmerzlichen Verlust.

Am Ende des Jahres ging Herr Professor Dietrich Büttner, seit 1974 Leiter der Abteilung für Helminthologie und Entomologie, in Pension. Prof. Büttner ist seit seinem ersten Eintritt in das BNI als Medizinalassistent 1962 mit einigen Unterbrechungen insgesamt fast 33 Jahre für das BNI tätig gewesen. Durch seine wissenschaftlichen Arbeiten über Helminthen, insbesondere zur Onchozerkose, und seine langjährige Erfahrung und profunde Kenntnis der Tropen, insbesondere vieler Länder Afrikas, ist er international bekannt geworden. Seine Tätigkeit in verschiedenen Gremien der WHO, davon viele Jahre im Scientific and Technical Advisory Committee (STAC) des TDR haben ihn zu einem gesuchten Experten werden lassen, er ist bei der WHO zu einem Markenzeichen des BNI geworden. Das Institut ist dankbar, daß Herr Prof. Büttner bereit ist, dem BNI weiter mit Rat und Tat zur Verfügung zu stehen.


 
Bernhard Fleischer