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Pressemitteilung

| 11.04.2003

Studie zum SARS-assoziierten Coronavirus veröffentlicht

Protokoll einer Spurensuche

Die Identifizierung eines bisher unbekannten Coronavirus als Auslöser des "schweren akuten Atemwegssyndroms" SARS findet in der wissenschaftlichen Welt mehr und mehr Bestätigung.

Unter Federführung des Hamburger Tropeninstituts veröffentlichte eine Autorengemeinschaft aus fünf europäischen Forschungsinstituten am Donnerstag im renommierten "New England Journal of Medicine" die Spurensuche nach dem unbekannten Erreger von SARS und die Etablierung eines spezifischen molekularen Testverfahrens.

Erste Spuren
Am 15. März 2003 waren in Frankfurt ein 32jähriger Arzt aus Singapur, seine Frau und seine Schwiegermutter mit Verdacht auf SARS in Quarantäne genommen worden. Der Arzt hatte sich in in Singapur bei der Behandlung von SARS-Patienten infiziert. Er gilt als der deutsche Indexpatient.

Proben des Patienten waren zunächst ohne Ergebnis auf eine Reihe bekannter Erreger von Grippe und Lungenentzündung sowie auf tropische Viren untersucht worden. Dazu wurden molekulare Methoden, Antikörpertests und Elektronenmikroskopie eingesetzt. Nachdem es den Virologen der Universität Frankfurt gelungen war, Viren aus der Patienprobe in Zellkultur zu vermehren, konnten am Hamburger Tropeninstitut am 25.März typische Genabschnitte von Coronaviren in dem Material identifiziert werden. Das Institut war als letztes der vier deutschen Laboratorien (Universität Frankfurt, Universität Marburg, Robert Koch Institut, BNI) in die Untersuchungen eingeschaltet worden.

Das Testverfahren
Mit eigenen Daten und Informationen aus dem Netzwerk der Weltgesundheitsorganisation entwickelten die Hamburger Virologen umgehend ein spezifisches molekulares Nachweisverfahren für das neue Coronavirus, das auf der Technik der Polymerasekettenreaktion (PCR) beruht. Mit diesem Verfahren untersuchte das Pariser Institut Pasteur die Proben von SARS-Patienten, Verdachtsfällen und Kontaktpersonen aus Hanoi (Vietnam). Bei allen fünf gesicherten SARS-Patienten wurde das neue Coronavirus nachgewiesen, jedoch bei keiner der symptomlosen Kontaktpersonen.
Die molekularen Untersuchungen wurden durch Antikörpertests bestätigt. Sie zeigten, dass die Patienten wärend der Erkrankung Antikörper gegen das Coronavirus entwickelten. "Beide Befunde zusammen sprechen für die Vermutung, dass das Virus auch Auslöser der Krankheit SARS ist." erklärt Herbert Schmitz, Leiter der Abteilung für Virologie am Hamburger Tropeninstitut.

Globale Kooperation
Die Identifizierung des Virus war ein Kopf-an-Kopf-Rennen mehrerer unabhängiger Laboratorien, die mit individuellen Testverfahren an verschiedenen Patientenproben arbeiteten. Ihre Daten wurden in zwei weiteren umfangreichen wissenschaftlichen Studien veröffentlicht. Bei fast allen von insgesamt 69 untersuchten Patientproben aus Hongkong, Vietnam, Taiwan, Kanada und den USA konnte das Coronavirus mit verschiedenen Methoden nachgewiesen werden.

Somit erhärtet sich der Verdacht, dass dieser bisher noch unbekannter Vertreter der Coronaviren der Auslöser des "schweren aktuen Atemwegssyndroms" SARS sein könnte. Noch ist das Virus namenlos. Einen Vorschlag gibt es schon: Urbani SARS-associated Coronavirus - zum Gedenken an Carlo Urbani, den Arzt der Weltgesundheitsorganisation, der die Weltöffentlichkeit als erster über die ungewöhnliche neue Krankheit informierte und selbst an ihr verstarb.

Die Hamburger Virologen veröffentlichten das Protokoll ihres Testverfahrens in einer bisher beispiellosen wissenschaftlichen Offenheit bereits nach kurzer Erprobungszeit auf der englischen Internetseite des Instituts. Zusätzlich wurde für die Durchführung des Verfahrens notwendiges Material inzwischen an mehr als 100 wissenschaftliche Laboratorien weltweit versandt. "Wir haben diese Laboratorien gebeten, uns über ihre Ergebnisse auf dem Laufenden zu halten, damit wir das Testverfahren möglichst schnell weiterentwickeln und verbessern konnten" sagt der Hamburger Virologe Christian Drosten. "Außerdem benötigen viele Länder dringend ein Testverfahren, um die dort auftretenden Verdachtsfälle selbst untersuchen zu können." Deshalb wird nun in Zusammenarbeit mit der Hamburger artus GmbH ein SARS-Test für Routine-Laboratorien entwickelt.

Die SARS-Studien wurden wegen der medizinischen Dringlichkeit vorab im Internet veröffentlicht und sind dort nachzulesen:

Drosten et al.: "A Novel Coronavirus in Patients with SARS"
Ksiazek, T. et al. "A Novel Coronavirus Associated with SARS"
New England Journal of Medicine, 10. April 2003

Peiris, J.S.M. et al. : "Coronavirus as a possible cause of severe acute respiratory syndrome". The Lancet, 7. April 2003

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Informationen zum Thema SARS


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Dr. Eleonora Schönherr
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