FAQ für Sindbis-Viren
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Im Juli 2026 erkrankte in Baden-Württemberg erstmals ein Mensch nachweislich an einer in Deutschland erworbenen Sindbis-Virus-Infektion. Diese FAQ fasst zusammen, was über das Virus, seine Verbreitung in Deutschland und den Schutz davor bekannt ist.
Was ist das Sindbis-Virus?
Das Sindbis-Virus (SINV) ist ein von Stechmücken übertragenes Alphavirus aus der Familie der Togaviridae und damit ein entfernter Verwandter des Chikungunya-Virus. Es wurde 1952 erstmals aus Culex-Mücken im Dorf Sindbis nahe Kairo (Ägypten) isoliert und nach diesem Ort benannt.
SINV ist ein umhülltes Virus mit einem einzelsträngigen RNA-Genom. Man unterscheidet mehrere geografisch getrennte Genotypen; in Afrika und Europa zirkuliert Genotyp I (SINV-I). Die in Deutschland nachgewiesenen Viren sind eng mit Stämmen aus Skandinavien verwandt (Jöst et al. 2010).
Die Erkrankung heißt Sindbis-Fieber. In Nordeuropa ist sie unter regionalen Namen bekannt: Ockelbo-Krankheit (Schweden), Pogosta-Krankheit (Finnland) und Karelisches Fieber (Russland).
Wie wird das Sindbis-Virus übertragen?
SINV zirkuliert in einem natürlichen Kreislauf zwischen Stechmücken und Wildvögeln. Vor allem Mücken, die bevorzugt Vögel stechen (ornithophile Arten), nehmen das Virus beim Blutsaugen auf und geben es an weitere Vögel weiter. In Deutschland sind das in erster Linie die Gemeine Stechmücke Culex pipiens und Culex torrentium. In Schweden und Finnland gelten Drosselarten wie die Wacholderdrossel als wichtige Vermehrungswirte.
Menschen infizieren sich über den Stich einer infizierten Mücke. Sie sind Fehlwirte: Das Virus erreicht im Blut nur geringe, kurzzeitige Mengen, sodass Mücken es nicht von Menschen weitertragen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht beschrieben (RKI, Epid Bull 40/2026).
Laborversuche am BNITM zeigten, dass alle sieben getesteten Mückenarten aus Deutschland SINV übertragen können – neben Culex-Arten auch Aedes-Arten wie die Asiatische Tigermücke Aedes albopictus (Jansen et al. 2022).
Wo kommt das Sindbis-Virus vor?
SINV gehört zu den am weitesten verbreiteten Arboviren: Es wurde in Afrika, Europa, Asien und Australien nachgewiesen. Erkrankungen beim Menschen werden jedoch fast ausschließlich aus Nordeuropa gemeldet.
Das bekannteste Ausbruchsgebiet ist Finnland. Dort wurden von 1981 bis 1994 rund 830 Fälle gemeldet, in Schweden im selben Zeitraum knapp 290. Große Ausbrüche folgten in Finnland lange einem etwa siebenjährigen Rhythmus (1981, 1988, 1995, 2002); 2021 wurden dort 566 laborbestätigte Fälle gezählt, auch außerhalb der klassischen Endemiegebiete (Suvanto et al. 2022). In Schweden trat 2013 ein Ausbruch in der zuvor nicht betroffenen Provinz Västerbotten auf (Gylfe et al. 2018). Die Virusaktivität in Mücken konzentriert sich auf Juli bis September mit einem Gipfel im August (Lundström et al. 2019).
In Skandinavien tragen Culex torrentium und Culex pipiens das Virus zwischen Vögeln weiter. Auf den Menschen übertragen es vor allem „Brückenvektoren“ wie Aedes cinereus, die sowohl Vögel als auch Menschen stechen.
Kommt das Sindbis-Virus in Deutschland vor?
Ja. SINV zirkuliert nachweislich seit mindestens 2009 in Deutschland, in Stechmücken und Wildvögeln von der Oberrheinebene bis nach Berlin und Brandenburg. Die Funde sind bislang sporadisch; ein klinischer Fall beim Menschen war bis 2026 nicht bekannt.
| Jahr | Nachweis | Quelle |
|---|---|---|
| 2026 | Erste symptomatische, in Deutschland erworbene Infektion beim Menschen (Stuttgart) | RKI 2026 |
| 2019–2021 | SINV-RNA in 21 Mückenproben, u. a. aus Berlin, Brandenburg, Baden-Württemberg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern | Rau et al. 2023 |
| bis 2019 | Antikörper vor allem bei Standvögeln (749 Vogelblutproben); Virus aus einer erkrankten Ringeltaube isoliert; mindestens zwei Virusstämme | Ziegler et al. 2019 |
| 2013–2016 | Drei positive Mückenpools (Culex pipiens, Cx. torrentium) in Halberstadt, Quedlinburg und Berlin | Scheuch et al. 2018 |
| 2014 | Virusisolat aus einer Nebelkrähe aus Berlin publiziert | Eiden et al. 2014 |
| 2011 | 4 von 3.389 Blutspendern (0,1 %) mit SINV-Antikörpern, alle aus dem Raum Weinheim | Jöst et al. 2011 zit. in RKI 2026 |
| 2009 | Erstnachweis: 10 Virusisolate aus Mücken bei Weinheim, überwiegend Culex torrentium; 99,4–99,6 % identisch mit schwedischen Stämmen | Jöst et al. 2010 |
Die enge Verwandtschaft mit skandinavischen Stämmen spricht dafür, dass Zugvögel das Virus nach Deutschland gebracht haben.
Was ist über den ersten Fall in Deutschland bekannt?
Ein 60-jähriger Mann aus Stuttgart erkrankte am 12. Juli 2026 an Sindbis-Fieber, ohne Baden-Württemberg im relevanten Zeitraum verlassen zu haben. Damit ist es die erste symptomatische, in Deutschland erworbene (autochthone) SINV-Infektion. Den Fall haben das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, das Gesundheitsamt Stuttgart, das Institut für Tropenmedizin Tübingen und das BNITM gemeinsam aufgeklärt (Wagner-Wiening et al., Epid Bull 40/2026).
- 12. Juli 2026: Fiebergefühl, Hautausschlag und ausgeprägte Gelenkschmerzen.
- Erster Verdacht Chikungunya: Der Mann lebt in einem Stadtbezirk mit etablierter Asiatischer Tigermücke. Antikörper gegen das Chikungunya-Virus fanden sich jedoch nicht.
- Erweiterte Diagnostik: Spezifische IgM- und IgG-Antikörper gegen SINV mit Serokonversion bestätigten die Infektion im September 2026.
- Meldung und Veröffentlichung: Meldung nach Infektionsschutzgesetz als Arbovirus-Erkrankung; Fallbericht des RKI am 1. Oktober 2026.
Ob die Tigermücke an der Übertragung beteiligt war, ist nicht geklärt. Hinweise auf ein größeres Ausbruchsgeschehen gibt es nicht. Wahrscheinlich haben sich auch früher schon Menschen in Deutschland unbemerkt angesteckt; das Risiko für die Allgemeinbevölkerung gilt als gering (ad-hoc-news, 10/2026).
Was sind die Symptome einer Sindbis-Virus-Infektion?
Viele Infektionen verlaufen unbemerkt oder mild. Wer erkrankt, hat typischerweise drei Leitsymptome: Fieber, einen oft juckenden Hautausschlag und Gelenkschmerzen. Die Inkubationszeit beträgt meist weniger als sieben Tage (ECDC).
- Akute Phase: fleckig-knotiger, häufig juckender Ausschlag an Rumpf und Gliedmaßen; leichtes Fieber; Gelenkschmerzen oder -entzündungen vor allem an Handgelenken, Hüften, Knien und Sprunggelenken; dazu Kopf- und Muskelschmerzen, Abgeschlagenheit und Übelkeit. Fieber und Ausschlag klingen meist innerhalb von ein bis zwei Wochen ab.
- Langzeitfolgen: Die Gelenkbeschwerden können Monate bis Jahre anhalten und in seltenen Fällen in eine chronische Arthritis übergehen. Nach dem schwedischen Ausbruch 2013 hatten 39 % der Befragten sechs bis acht Monate später Gelenkschmerzen, die ihren Alltag einschränkten (Gylfe et al. 2018).
- Schwere Verläufe: Krankenhausaufenthalte sind selten, neurologische Komplikationen die Ausnahme. Todesfälle sind nicht beschrieben.
In Finnland erkranken am häufigsten Menschen zwischen 30 und 69 Jahren, Frauen und Männer gleichermaßen. Das Krankheitsbild ähnelt dem Chikungunya-Fieber.
Wie wird eine Sindbis-Virus-Infektion diagnostiziert?
Die Diagnose stützt sich vor allem auf den Nachweis von Antikörpern im Blut. Das Virus selbst ist nur kurz und in geringer Menge im Blut vorhanden, daher spielt die PCR in der Routine kaum eine Rolle (ECDC).
- Antikörper: IgM ist meist ab etwa dem 8. Krankheitstag nachweisbar, IgG ab etwa dem 11. Tag. Da IgM bei mehr als einem Drittel der Patienten noch nach sechs Monaten positiv ist, sichert erst ein Anstieg zwischen zwei Blutproben (Serokonversion) eine frische Infektion – so wie beim Stuttgarter Fall.
- Kreuzreaktionen: Antikörper gegen verwandte Alphaviren können falsch-positive Befunde ergeben; spezialisierte Labore bestätigen deshalb mit Neutralisationstests.
- Differenzialdiagnosen: Chikungunya-, Dengue- und Zika-Virus-Infektion, Parvovirus B19, Röteln und Masern.
Das RKI empfiehlt, bei Fieber, Ausschlag und ausgeprägten Gelenkschmerzen in der Mückensaison auch ohne Reise an eine Arbovirus-Infektion zu denken und bei negativen Dengue- und Chikungunya-Befunden SINV zu testen (RKI 2026). Der Nachweis einer akuten Infektion ist nach § 7 Abs. 1 Nr. 50a IfSG („sonstige Arboviren“) meldepflichtig (IfSG § 7).

Wie wird das Sindbis-Fieber behandelt?
Eine spezifische antivirale Therapie gibt es nicht; behandelt werden die Beschwerden. Gegen den juckenden Ausschlag helfen Antihistaminika, gegen Gelenkschmerzen Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Bei lang anhaltenden Gelenkbeschwerden werden mitunter Kortikosteroide in das Gelenk gespritzt, wofür die Datenlage aber dünn ist (ECDC).
Gibt es einen Impfstoff gegen das Sindbis-Virus?
Nein. Weder für Menschen noch für Tiere ist ein Impfstoff oder eine vorbeugende Medikation verfügbar.
Kann das Sindbis-Virus durch Blutspenden übertragen werden?
Eine Übertragung durch Blut oder Blutprodukte ist bisher nicht beschrieben, aber auch nicht ausgeschlossen. Die Virämie ist kürzer und schwächer als beim Chikungunya-Virus, das Risiko gilt daher als wahrscheinlich gering (ECDC). Dass sich Menschen in Deutschland unbemerkt infizieren, zeigen Antikörperfunde bei 4 von 3.389 Blutspendern aus dem Raum Weinheim (RKI 2026).
Wie kann man sich vor dem Sindbis-Virus schützen?
Der einzige Schutz ist, Mückenstiche zu vermeiden – vor allem von Juli bis September, wenn die Virusaktivität am höchsten ist.
- Mittel zum Auftragen auf die Haut (Repellentien) mit DEET oder Icaridin verwenden.
- Lange, helle Kleidung tragen, besonders in der Dämmerung und abends, wenn Culex-Mücken stechen; die Tigermücke sticht auch tagsüber.
- Fliegengitter an Fenstern und Türen anbringen, bei Bedarf unter einem Moskitonetz schlafen.
- Brutstätten im eigenen Umfeld beseitigen: Regentonnen abdecken, Untersetzer, Eimer und Vogeltränken wöchentlich leeren.
Welche Rolle spielt der Klimawandel?
Anders als beim West-Nil-Virus hängt die Übertragung von SINV kaum von hohen Temperaturen ab: Heimische Mücken übertrugen das Virus im Labor schon bei durchschnittlich 18 °C (Jansen et al. 2022). Das erklärt, warum gerade im kühlen Nordeuropa Ausbrüche auftreten.
Wärmere und längere Sommer können dennoch die Mückensaison verlängern und die Dichte der Überträger erhöhen. Zusätzlich breiten sich neue Überträger wie die Asiatische Tigermücke aus, die SINV im Labor ebenfalls übertragen kann. In Finnland trat das Virus 2021 in neuen Regionen auf (Suvanto et al. 2022).
Was erforscht das BNITM zum Sindbis-Virus?
Die Abteilung Arbovirologie und Entomologie des BNITM, WHO-Kooperationszentrum für Arboviren und hämorrhagische Fieberviren, untersucht SINV seit seinem Erstnachweis in Deutschland.
- Vorkommen und Ökologie: 2009 gelang der Erstnachweis von SINV in Stechmücken aus Deutschland (Jöst et al. 2010); Antikörperstudien bei Blutspendern und Patienten folgten (Jöst et al. 2011, J Clin Virol 52:278–279).
- Vektorkompetenz: Welche heimischen und eingewanderten Mückenarten SINV übertragen und welchen Einfluss die Temperatur hat (Jansen et al. 2022).
- Diagnostik: Spezialdiagnostik auf Arboviren einschließlich Neutralisationstests; das BNITM war an der Aufklärung des ersten humanen Falls 2026 beteiligt.
Quellen
- Wagner-Wiening C, … Schmidt-Chanasit J, … Brockmann S. Erstnachweis einer symptomatischen autochthonen humanen Sindbis-Virus-Infektion in Deutschland, Baden-Württemberg. Epid Bull 2026;40.
- Jöst H et al. Isolation and phylogenetic analysis of Sindbis viruses from mosquitoes in Germany. J Clin Microbiol 2010;48:1900–1903.
- Eiden M et al. Isolation of Sindbis virus from a hooded crow in Germany. Vector Borne Zoonotic Dis 2014.
- Scheuch DE et al. Detection of Usutu, Sindbis, and Batai viruses in mosquitoes collected in Germany, 2011–2016. Viruses 2018;10:389.
- Ziegler U et al. Sindbis virus – a wild bird associated zoonotic arbovirus circulates in Germany. Vet Microbiol 2019;239:108453.
- Jansen S et al. Vector competence of mosquitoes from Germany for Sindbis virus. Viruses 2022;14:2644.
- Rau J et al. Viral RNA in mosquitoes collected between 2019 and 2021 in Germany. Viruses 2023;15:2298.
- Lundström JO et al. Sindbis virus polyarthritis outbreak signalled by virus prevalence in the mosquito vectors. PLoS Negl Trop Dis 2019.
- Gylfe Å et al. Mosquitoborne Sindbis virus infection and long-term illness. Emerg Infect Dis 2018;24(6).
- Suvanto MT et al. Sindbis virus outbreak and evidence for geographical expansion in Finland, 2021. Euro Surveill 2022;27(31).
- ECDC. Facts about Sindbis fever.
- Deutsches Ärzteblatt. Erster Nachweis von Sindbis-Fieber in Deutschland, 1. Oktober 2026.
- ad-hoc-news. Sindbis-Virus in Deutschland: Gelenkschmerzen können monatelang anhalten, Oktober 2026.
- § 7 Infektionsschutzgesetz.
- Vorlage: BNITM. FAQ zum West-Nil-Virus.
Kontakt
- Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit
- Leitung Abteilung Arbovirologie und Entomologie
- Telefon: +49 171 212 7900, +49 40 285380 271
- E-Mail: schmidt-chanasit@bnitm.de
- BNITM Presse
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