Mitteilung

Erste Studie zu vaginalen Mikroorganismen in Madagaskar liefert neue Einblicke in Frauengesundheit

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM) hat erstmals die vaginale Mikrobiota – die Gemeinschaft der Mikroorganismen, die natürlicherweise im weiblichen Genitaltrakt vorkommen – von Frauen im reproduktiven Alter in Madagaskar umfassend untersucht. Während die vaginale Mikrobiota in Europa und Nordamerika intensiv erforscht ist, fehlen bislang nahezu vollständig Daten aus Subsahara-Afrika, insbesondere aus Madagaskar. Die Forschenden analysierten zudem den Zusammenhang zwischen der vaginalen Mikrobiota und drei häufigen urogenitalen Erkrankungen: Infektionen mit dem humanen Papilloma-Virus (HPV), Infektionen mit dem Parasiten Schistosoma haematobium sowie weibliche genitale Schistosomiasis als chronische Folge dieser Infektion. Die Studie erschien im Journal of Infectious Diseases.

Auf dem Foto ist eine Frau in blauem Kittel zu sehen. Instrumente für eine gynäkologische Untersuchung sind zu sehen.
©BNITM | Jean-Marc Kutz

Die vaginale Mikrobiota spielt eine wichtige Rolle für die Gesundheit von Frauen. Sie bildet eine natürliche Schutzbarriere gegen Krankheitserreger. Besonders Laktobazillen gelten als schützend: Sie produzieren Milchsäure und andere antimikrobielle Stoffe, die das Wachstum schädlicher Mikroorganismen hemmen. Fehlen diese Bakterien oder verändert sich die Zusammensetzung der mikrobiellen Gemeinschaft, kann das Risiko für verschiedene gynäkologische Erkrankungen steigen, etwa für sexuell übertragbare Infektionen, Schwangerschaftskomplikationen oder Unfruchtbarkeit. Forschende unterscheiden verschiedene typische Zusammensetzungen der vaginalen Mikrobiota, sogenannte Community State Types (CST). Einige dieser Gruppen werden von Laktobazillen dominiert, andere weisen eine größere Vielfalt unterschiedlicher Bakterienarten auf. Die meisten Daten zur vaginalen Mikrobiota stammen aus Ländern des globalen Nordens. Für viele Regionen der Welt fehlen bislang vergleichbare Untersuchungen, auch für Madagaskar. Gleichzeitig ist Madagaskar stark von Infektionen wie dem humanen Papilloma-Virus (HPV) sowie mit dem Parasiten Schistosoma haematobium betroffen. Beide Krankheitserreger können den Genitaltrakt betreffen und stehen mit verschiedenen gynäkologischen Erkrankungen in Verbindung. 

„Unsere Studie liefert die erste systematische Charakterisierung der vaginalen Mikrobiota bei Frauen in Madagaskar. Damit schließen wir eine zentrale Wissenslücke und erweitern die globale Perspektive auf vaginale Gesundheit“, erklärt Dr. Jana Hey, Erstautorin der Publikation und Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Implementationsforschung am BNITM.

Jana Hey a Post doc
Jana Hey   ©BNITM

Das Neue: Ein anderes „Normal“

Für die Studie untersuchte das Forschungsteam 500 Frauen im Alter von 18 bis 49 Jahren in drei Gesundheitszentren im Distrikt Marovoay in Madagaskar. Nach der Aufbereitung der Proben konnte das Team 443 Teilnehmerinnen in die Analyse einbeziehen. Es zeigte sich ein überraschendes Bild: Die Mehrheit der untersuchten Frauen wies eine hochdiverse vaginale Mikrobiota mit geringer Laktobazillen-Dominanz auf. In Populationen des Globalen Nordens hingegen sind Laktobazillen-dominierte CST in der vaginalen Mikroorganismen-Gemeinschaft weit verbreitet und sie gelten als „gesund“.

Daniela Fusco the group lead
Daniela Fusco   ©BNITM

„Unsere Ergebnisse stellen das gängige Verständnis einer ‚normalen‘ vaginalen Mikrobiota infrage“, sagt Studienleiterin Dr. Daniela Fusco vom BNITM. „Eine bakterielle Zusammensetzung, die in Europa als problematisch gilt, könnte in anderen Weltregionen ein ganz normaler Zustand sein. Dieses Ergebnis ist besonders relevant für globale Gesundheitsstrategien. Es zeigt, dass Referenzwerte aus dem Globalen Norden nicht einfach auf andere Regionen übertragbar sind.“

Mikrobiota im Zusammenhang mit HPV und genitaler Schistosomiasis

Die Studie liefert auch neue Hinweise darauf, wie die vaginale Bakteriengemeinschaft mit bedeutenden Infektionen zusammenhängt. Bei Frauen mit einer HPV-Infektion fanden die Forschenden die Bakterienart Dialister deutlich häufiger als bei HPV-negativen Probandinnen. Eine anhaltende Infektion mit bestimmten HPV-Typen kann Zellveränderungen am Gebärmutterhals auslösen und gilt als wichtigste Ursache für Gebärmutterhalskrebs. Das Bakterium Dialister wurde bereits in anderen Studien mit Veränderungen im vaginalen Milieu und mit Gewebeveränderungen am Gebärmutterhals in Verbindung gebracht.

Darüber hinaus untersuchte das Forschungsteam erstmals systematisch den Zusammenhang zwischen der vaginalen Mikrobiota und weiblicher genitaler Schistosomiasis (female genital schistosomiasis = FGS). FGS ist eine chronische Folgeerkrankung der Infektion mit dem Parasiten Schistosoma haematobium, die in Madagaskar weit verbreitet ist. Bei Frauen mit FGS fanden die Forschenden vermehrt eine bislang nicht eindeutig klassifizierte Bakterienspezies aus der Familie Rhizobiaceae. 

„Wir stehen hier noch am Anfang“, so Fusco. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass parasitäre Infektionen die bakterielle Zusammensetzung im Genitaltrakt beeinflussen können. Weitere Studien sind nötig, um zu verstehen, welche Rolle diese Veränderungen für gynäkologische Erkrankungen spielen.“

 

Neue Daten als Ausgangspunkt für weitere Studien

Diese Studie liefert erstmals wichtige Einblicke in die vaginale Mikrobiota von Frauen in Madagaskar. Zugleich zeigen die Ergebnisse auch, wo weiterer Forschungsbedarf besteht. Da die Daten von einem einzigen Zeitpunkt stammen, konnten die Wissenschaftler:innen nicht feststellen, ob bestimmte Veränderungen der Bakteriengemeinschaft Ursachen oder Folgen von Infektionen sind. Zudem standen nicht zu allen Faktoren, die die vaginale Mikrobiota beeinflussen können – etwa Menstruationszyklus, hormonelle Verhütung oder andere Infektionen – detaillierte Informationen zur Verfügung. Weitere, langfristig angelegte Studien sind daher nötig, um die beobachteten Zusammenhänge genauer zu analysieren. Die jetzt veröffentlichten Daten bilden dafür eine wichtige Grundlage.

Die Forschenden betonen, dass auch weitere Studien in unterschiedlichen Regionen der Welt erforderlich sind, um die dynamischen Zusammenhänge zwischen der vaginalen Mikrobiota, HPV-Infektionen, Gebärmutterhalskrebs und parasitären Infektionen besser zu verstehen. 

„Globale Frauengesundheit braucht globale Daten“, betont Hey. „Nur wenn wir die Vielfalt biologischer und sozialer Kontexte berücksichtigen, können wir gerechte und wirksame Präventionsstrategien entwickeln.“


Publikation:

Hey J.C. et al. The Vaginal Microbiota of Adult Malagasy Women of Reproductive Age in the Marovoay District: First Characterization and Exploration of Associations With Human Papillomavirus and Schistosoma haemotobium Infections. Journal of Infectious Diseases 2026, DOI: 10.1093/infdis/jiag065

Ansprechperson

Dr. Daniela Fusco

Leiterin Arbeitsgruppe Implementationsforschung

Telefon : +49 40 285380-504

E-Mail : fusco@bnitm.de

Dr. Anna Hein

Presse- & Öffentlichkeitsarbeit

Telefon : +49 40 285380-269

E-Mail : presse@bnitm.de

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