Künstliches Licht und Klimawandel
Neues Projekt der One-Health-Plattform erforscht steigende Risiken durch Stechmücken
Steigende Temperaturen, Verstädterung und künstliches Licht in der Nacht verändern die Lebensbedingungen von Stechmücken in Europa – mit möglichen Folgen für die Ausbreitung von Krankheitserregern wie dem West-Nil-Virus. Ein neu bewilligtes Netzwerkprojekt der One Health Platform (OHP) untersucht erstmals systematisch, wie diese Faktoren zusammenwirken. Das Projekt „LUMEN – Adapting to the Light: Mosquito Behaviour, Human Exposure and Vector Control in a Changing Climate“ wird vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) koordiniert und mit Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert.

Abends auf dem Balkon, Licht an, Fenster offen: In vielen Städten gehören Stechmücken längst nicht mehr nur zum Hochsommer. Aus Labor-und ersten Feldstudien gibt es Hinweise, dass künstliches Licht den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus von Stechmücken stören kann – mit messbaren Effekten. Beobachtet wurde unter anderem, dass Mücken länger aktiv sind, ihre Stechzeiten ausweiten und später in Winterruhe gehen.
Wie stark sich solche Effekte unter realen Bedingungen auswirken und mit weiteren Umweltfaktoren zusammenspielen, ist bislang kaum systematisch untersucht. Das Projekt LUMEN erforscht dies nun am Beispiel von heimischen Arten wie Culex pipiens, der wichtigsten Überträgerin des West-Nil-Virus in Deutschland.
Das auf drei Jahre angelegte Projekt vereint Forschung aus der Stechmücken- und Virusbiologie, der Umwelt- und Klimaforschung sowie der Verhaltenswissenschaft. Beteiligt sind neben dem BNITM das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (Berlin), die Universität Erfurt, die Universität Heidelberg sowie die Universität Bamberg. Das Gesamtfördervolumen beträgt rund 1,2 Millionen Euro, ein Teil davon entfällt auf das BNITM, das auch die Koordination des Netzwerks übernimmt.

„Künstliches Licht in der Nacht ist ein Umweltfaktor, der bislang kaum systematisch in der Infektionsforschung berücksichtigt wurde“, sagt Prof. Dr. Esther Schnettler, Leiterin der Arbeitsgruppe Mosquito Virus Interactions am BNITM und Koordinatorin des Netzwerks. „Wir gehen davon aus, dass Lichtverschmutzung zusammen mit steigenden Temperaturen das Verhalten von Stechmücken verändert, etwa ihre Aktivität, ihr Stechverhalten oder ihre Überwinterung. Das kann Auswirkungen auf das Risiko von Virusübertragungen haben.“
Vier Teilprojekte, ein integrierter Ansatz
Das Netzwerk ist in vier eng miteinander verzahnte Teilprojekte gegliedert:
- Am BNITM untersuchen Forschende, wie künstliches Licht und Temperatur die Biologie von Culex pipiens, der wichtigsten Überträgerin des West-Nil-Virus in Deutschland, beeinflussen – von der Genregulation bis zum Übertragungspotenzial.
- Die Forschenden am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin analysieren, wie Licht, Temperatur, Wasserqualität und Mikroorganismen in durch Verstädterung geprägten Lebensräumen die Entwicklung und Fitness von Stechmücken beeinflussen.
- Die Arbeitsgruppe Gesundheitskommunikation (BNITM / Universität Erfurt) erforscht, wie Menschen Risiken durch Stechmücken wahrnehmen und wie sie ihr Schutz- und Expositionsverhalten im Alltag verändern.
- An der Universität Heidelberg werden die gewonnenen Daten in mathematische Modelle integriert, um räumlich und zeitlich aufgelöste Risikokarten sowie Szenarien für zukünftige Entwicklungen zu erstellen.
- Die Universität Bamberg bringt ihre Expertise in digitaler Gesundheitsforschung ein und stellt die technische Infrastruktur für eine App bereit, mit der Schutzverhalten und Stechmückenexposition im Alltag erfasst werden.

Ziel ist es, biologische, ökologische und soziale Daten zusammenzuführen und so Übertragungsrisiken realistischer abzuschätzen.
Relevanz für Prävention und öffentliche Gesundheit
Die One Health Platform fördert das Projekt als inter- und transdisziplinäres Netzwerk. Ein wissenschaftliches Beratungsgremium bewertete Expertise, Innovationspotenzial und Umsetzbarkeit des Vorhabens positiv und empfahl die Förderung.
Die Forschungsergebnisse sollen die Grundlage für eine bessere Infektionsprävention schaffen, etwa für Überwachungssysteme, evidenzbasierte Kommunikationsstrategien oder den Umgang mit Beleuchtung im städtischen Raum. Geplant sind unter anderem offene Datensätze, digitale Werkzeuge und Beiträge aus Citizen-Science-Ansätzen.
„Infektionsrisiken entstehen im Zusammenspiel von Umwelt, Tier und Mensch“, sagt Schnettler. „LUMEN schafft die Grundlage, diese Zusammenhänge besser zu verstehen und Prävention gezielter auszurichten.“
Ansprechperson
Prof. Dr. Esther Schnettler
Reserach Group Leader
Telefon : +49 40 285380-208
E-Mail : schnettler@bnitm.de
Julia Rauner
Presse- & Öffentlichkeitsarbeit
Telefon : +49 40 285380-264
E-Mail : presse@bnitm.de