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Verborgene Infektionen, neue Ausbrüche

Warum Mobilität zählt, wenn Ebola wiederkehrt

Ein Mann steigt auf ein Motorrad. Hinter ihm liegt ein abgelegenes Waldgebiet in der Region Likati im Norden der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo). Vor ihm eine Reise von fast 900 Kilometern zu den Goldminen im Osten des Landes. Er fährt über zerstörte Straßen, steigt später auf einen Lastwagen um und geht am Ende zu Fuß weiter. Bei den Goldminen trifft er auf viele Personen. Einige Monate später beginnt in der weiteren Umgebung einer der größten Ebola-Ausbrüche der Geschichte weltweit. Was wie ein Zufall klingt, könnte ein entscheidender Hinweis sein: Forschende des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM) haben mit Kooperationspartner:innen in der DR Kongo untersucht, ob die Ebola-Ausbrüche in Likati (2017) und in Ituri/Nord-Kivu (2018-2020) durch die Mobilität von Überlebenden miteinander verbunden sein könnten. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift BMC Infectious Diseases.

Auf dem Foto sind zwei Motorräder mit einer bzw. zwei Personen darauf zu sehen. Im Vordergrund steht ein Mann dunkler Kleidung. Sie befinden sich draußen im Grünen.
©BNITM | Sung Joon Park

Ebola gilt als hochgefährlich, aber selten. Die durch das Ebola-Virus ausgelöste Krankheit verursacht meist plötzlich einsetzendes hohes Fieber und kann zu schweren Organstörungen und inneren Blutungen führen. Unbehandelt verläuft die Infektionskrankheit oft tödlich. In der DR Kongo tritt das Virus immer wieder auf. Auffällig ist, dass Ebola-Ausbrüche dort nicht zufällig verteilt auftreten, sondern sich bestimmte Regionen immer wieder als Brennpunkte zeigen. Der Ausbruch 2018-2020 in Ituri und Nord-Kivu war der zweitgrößte der Welt. Es wurden 3.470 Erkrankungen bestätigt und 2.287 Menschen starben. Genetische Analysen des Virus zeigten: Der Ausbruch könnte mit einem kleineren, früheren Ausbruch in Likati im Jahr 2017 verknüpft sein. Doch wie kann ein Ausbruch in einem entlegenen Waldgebiet mit einem späteren Ausbruch im Osten des Landes zusammenhängen?

Eine geografische Karte zeigt, wo in der DRC die Regionen Likati sowie Ituri und Nord-Kivu liegen.
Zirka 900 km liegen zwischen Likati und den östlichen Regionen Ituri und Nord-Kivu in der DR Kongo.   ©Sung Joon Park et al. (2026), CC BY-NC-ND

Hier setzt die Arbeit von Sung Joon Park, Leiter der Arbeitsgruppe Medizinanthropologie am BNITM, und seinem Team an. Statt Laborwerte isoliert zu betrachten, verbinden die Forschenden epidemiologische Fragen mit sozialwissenschaftlicher Feldforschung. Das Forschungsteam verfolgte in dieser Studie eine Hypothese, die lange unterschätzt wurde: Das Ebola-Virus kann in Körperflüssigkeiten von Überlebenden Jahre überdauern, ohne dass die Personen Krankheitssymptome aufweisen. Dadurch könnten Überlebende Monate oder sogar Jahre nach einem Ausbruch unbemerkt neue Infektionsketten auslösen – und dies nicht nur am ursprünglichen Ort des Ebola-Ausbruchs: Wenn sie reisen, reisen die Viren mit ihnen.

Doch wer reist überhaupt? Wer verlässt sein Dorf, wer bleibt? Welche Wege sind möglich, welche nicht? In der DR Kongo ist Mobilität nicht nur eine Frage von Entfernung. 

„Die Mobilität hängt davon ab, ob jemand Geld besitzt, ob er Kontakte hat, ob Transport verfügbar ist, ob Straßen passierbar sind und ob körperliche Kraft für eine lange Reise reicht. Genau diese Faktoren können darüber entscheiden, ob ein Virus an einem Ort bleibt oder in eine andere Region gelangt. 900 Kilometer auf einer Landkarte sehen nach einer Linie aus. In Wirklichkeit ist es eine Reise durch soziale und infrastrukturelle Grenzen“, erklärt Park, Erstautor der Studie. 

Auf dem Foto sind zwei liegen gebliebene Lkws auf matschigen Straßen im Regenwald zu sehen. Eine Person auf einem Motorrad fährt nahe an einem der Lkws vorbei.
Reise durch den Regenwald von Likati nach Ituri und Nord-Kivu entlang Ruinen kolonialer Infrastrukturen.   ©BNITM | Sung Joon Park

Medizinanthropologie als Spurensuche

Zwischen April 2022 und Mai 2023 untersuchte das Forschungsteam rückblickend, was in den Jahren zuvor passiert war, und verband dabei verschiedene wissenschaftliche Disziplinen und Methoden miteinander (u. a. Interviews und molekularbiologische Analysen) – die Forschenden führten also eine retrospektive transdisziplinäre Studie durch. Sie arbeiteten mit einer Schneeball-Methode: Sie sprachen mit Überlebenden und Kontaktpersonen und baten diese, weitere Menschen zu nennen, die nach dem Ausbruch aus Likati herausgereist waren. In mehreren betroffenen Dörfern führten sie offene und halbstrukturierte Interviews sowie moderierte Gruppendiskussionen durch. 

Das Foto zeigt einen jungen Mann sitzend auf dem Boden neben einem vollbepackten Motorrad.
Von Likati nach Ituri und Nord-Kivu: Sung Joon Park hat eine Motorradpanne, als er während seiner Forschungstätigkeit in der DRC unterwegs ist.   ©M Morisho

Zusätzlich begleiteten sie Menschen auf Wegen und Reisen, um Mobilität nicht nur zu erfragen, sondern auch praktisch zu verstehen. Parallel untersuchten sie Blut- und Samenproben mit modernen Labormethoden. Mit einem Antikörpertest stellten sie fest, ob eine Person eine Ebola-Infektion durchgemacht hatte. Zusätzlich testete das Team Samenproben auf Ebola-Virus-RNA, da bekannt ist, dass Ebola-Viren in bestimmten Körperflüssigkeiten lange überdauern können. 

„Dieser Ansatz zeigt beispielhaft, wie Medizinanthropologie arbeitet. Sie rekonstruiert soziale Wirklichkeiten, Bewegungsmuster und Lebensbedingungen und macht sichtbar, was in üblichen Erfassungssystemen von Krankheiten oft unsichtbar bleibt“, so Park.

Ein Überlebender, der offiziell keiner war

Die entscheidende Spur führte zu einem Mann, der im Jahr 2017 engen Kontakt mit Ebola-Patient:innen gehabt hatte. Er hatte geholfen, einen schwerkranken Patienten auf dem Motorrad zu transportieren. Der Mann selbst wurde damals nicht getestet. Er berichtete später, er habe keine typischen Symptome gehabt, nur starke Müdigkeit. Gerade das macht den Fall besonders: Das Forschungsteam vermutete, dass er Ebola überstanden hatte, ohne als Überlebender registriert worden zu sein. Nach dem Ausbruch reiste er in ein Goldabbaugebiet nach Badengayido in der Provinz Ituri. Dieses Gebiet liegt rund 180 Kilometer westlich von Mangina, wo später die ersten Fälle des großen Ebola-Ausbruchs 2018-2020 gemeldet wurden. 

Die Laboranalysen bestätigten den Verdacht der Forschenden. Ein Antikörpertest zeigte eindeutig, dass der Mann eine Ebola-Infektion durchgemacht hatte. Damit identifizierte das Team einen Ebola-Überlebenden, der offiziell nicht als solcher galt. Der Test der Samenprobe auf Ebola-Virus-RNA fiel negativ aus. Das bedeutet, dass in dieser Probe kein Virus nachgewiesen wurde. Dennoch bleibt der Fall epidemiologisch bedeutsam, da der Mann zum kritischen Zeitpunkt in ein Gebiet reiste, das später stark vom Ausbruch betroffen war. 

Ein mögliches Szenario – Bedeutung für künftige Ausbrüche

Die Forschenden fanden keine Hinweise darauf, dass weitere Überlebende oder Kontaktpersonen aus Likati vor dem Ausbruch 2018 in den Osten gereist waren. Damit blieb dieser Mann der einzige bekannte Fall, der sowohl enge Kontakte zu Ebola-Fällen gehabt hatte als auch zur entscheidenden Zeit in ein später betroffenes Gebiet reiste. Die Studie liefert keinen endgültigen Beweis dafür, dass der große Ebola-Ausbruch 2018-2020 tatsächlich aus dem Likati-Ausbruch hervorging. Doch sie zeigt ein plausibles Szenario, das in klassischen epidemiologischen Analysen leicht unsichtbar bleibt. Zugleich hebt sie die Bedeutung von asymptomatischen oder milden Verläufen hervor. Solche Fälle könnten häufiger auftreten als bisher angenommen und würden in vielen Ausbruchssituationen nicht erkannt. Auch würden diese Personen nicht in Präventionsmaßnahmen eingebunden.

„Dieser Fall zeigt, wie schnell Menschen aus dem Blickfeld offizieller Systeme verschwinden können“, sagt Park. „Wenn jemand nicht getestet wird, taucht er in keiner Statistik auf. Aber er bleibt Teil der epidemiologischen Realität. Und ein Mensch, der sich selbst nicht als Überlebender wahrnimmt, erhält keine Beratung, keine Nachsorge und keine Informationen darüber, welche Risiken langfristig bestehen könnten.“

Die Forschenden betonen deshalb die Notwendigkeit robuster Nachsorgesysteme nach Ebola-Ausbrüchen, auch für Menschen ohne erkennbare Symptome. Besonders wichtig sei es, Überlebende langfristig zu begleiten. Verbesserte Methoden wären empfehlenswert, um Mobilität von Überlebenden zu erfassen und besser in Überwachungsstrategien einzubeziehen. Ebenso könnten mobile Gesundheitseinheiten helfen, Überlebende auch in abgelegenen Regionen regelmäßig zu betreuen und mögliche neue Infektionen frühzeitig zu erkennen. 

„Unsere Studie macht deutlich, dass Ausbruchskontrolle nicht allein im Labor entschieden wird. Sie braucht auch Feldforschung, lokale Perspektiven und ein Verständnis dafür, wie Menschen tatsächlich leben. Medizinanthropologie leistet so einen konkreten Beitrag zur globalen Gesundheitsforschung“, schließt Park.

Dr. Sung-Joon Park: ein Forscher der schulterlanges Haar, eine runde schwarze Brille, ein dunkles Sakko über einem dunkelblauen Oberteil trägt.
Dr. Sung-Joon Park   ©BNITM | Dino Schachten

Publikation:

Park, S.J. et al. Investigating the spatiotemporal links between the EVD outbreaks in Likati (2017) and Eastern DRC (2018–2020): a retrospective transdisciplinary study. BMC Infect Dis (2026). DOI: 10.1186/s12879-026-12607-0

Kooperationen:

Institut National de Recherche Biomédicale, INRB, Kinshasa, Democratic Republic of the Congo

University of Kinshasa, Kinshasa, Democratic Republic of the Congo

Rodolphe Mérieux INRB-Goma Laboratory, Goma, North-Kivu, Democratic Republic of the Congo

Pole Institute Goma, Goma, North-Kivu, Democratic Republic of the Congo

Ansprechperson

Dr. Sung-Joon (Song) Park

Leiter AG Medizinanthropologie

Telefon : +49 40 285380-711

E-Mail : sung.park@bnitm.de

Dr. Anna Hein

Presse- & Öffentlichkeitsarbeit

Telefon : +49 40 285380-269

E-Mail : presse@bnitm.de

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