Virales Drehkreuz
Eine Studie von Forschenden des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM) und ungarischer Partnerinstitutionen zeigt die zentrale Rolle Ungarns bei der Ausbreitung des West-Nil-Virus (WNV) in Europa. Mithilfe eines One-Health-Ansatzes kombinierten die Forschenden Daten aus Human- und Tiermedizin, Mückenüberwachung und genetischer Virusanalyse. Damit konnten sie Verwandtschaften der in Europa vorkommenden West-Nil-Viruslinien und ihre Ausbreitung nachverfolgen. Das Ergebnis: Viele Varianten des West-Nil-Virus in europäischen Ländern haben ihren Ursprung in Ungarn. Die Forschenden identifizierten Ungarn damit als zentralen Knotenpunkt der Zirkulation des Virus zwischen Vögeln und Stechmücken und als Hauptquelle der genetischen WNV-Vielfalt in Europa. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Eurosurveillance.

Seit einigen Jahren breitet sich das West-Nil-Virus (WNV) zunehmend nach Norden in Europa aus. Das Virus zirkuliert vor allem zwischen Vögeln und Stechmücken der Gattung Culex. Menschen infizieren sich meist durch Stiche von Stechmücken, verbreiten das Virus aber nicht direkt von Mensch zu Mensch weiter. Die meisten Infektionen bleiben unbemerkt: Rund 80 Prozent der Betroffenen entwickeln keine Symptome. Etwa jede fünfte infizierte Person erkrankt an einem grippeähnlichen West-Nil-Fieber, während weniger als ein Prozent schwere neurologische Komplikationen entwickelt. Ungarn gilt seit 2004 als ein wichtiger Knotenpunkt für die Ausbreitung des Virus in Europa. Dort treffen große Vogelzugrouten auf ausgedehnte Feuchtgebiete und günstige Bedingungen für Stechmückenpopulationen.
Die West-Nil-Saison 2024 war in Europa die bislang geografisch am weitesten verbreitete. Auch in Ungarn fiel sie stark aus: Insgesamt registrierten die Behörden 113 Infektionen beim Menschen, davon 111 lokal erworbene Fälle und zwei importierte Infektionen. Neun Infektionen verliefen tödlich. Damit stieg die Zahl der Erkrankungen im Vergleich zum Vorjahr um das 3,7-Fache an. Besonders auffällig war der hohe Anteil schwerer Krankheitsverläufe: Die meisten Patient:innen entwickelten neurologische Komplikationen, die häufig stationär behandelt wurden.
One-Health-Ansatz verbindet Daten aus Mensch, Tier und Umwelt
„Wir wollten verstehen, warum Ungarn während der West-Nil-Saison 2024 zu den am stärksten betroffenen Ländern Europas gehörte. Dafür haben wir Daten aus Humanmedizin, Tiermedizin und der Überwachung von Stechmücken mit genetischen Analysen des Virus kombiniert, um besser nachzuvollziehen, wie sich das West-Nil-Virus innerhalb Ungarns und über Europa hinweg ausbreitet“, sagt Dr. Dániel Cadar, Letztautor der Studie und Leiter der Arbeitsgruppe Virus Metagenomik und Evolution am BNITM.

Die Forschenden wiesen das West-Nil-Virus in fast allen Regionen Ungarns nach, sowohl bei Menschen als auch in Vögeln und Stechmücken. Besonders stark betroffen waren Gebiete mit Feuchtlandschaften, Flusssystemen und intensiv bewässerter Landwirtschaft, wo sich Stechmücken sehr gut vermehren und ausbreiten können.
Cadars Team und Partner:innen aus Ungarn legten einen besonderen Fokus auf das Erbgut von 55 West-Nil-Viren aus Menschen, Vögeln und Stechmücken. Sie sequenzierten die genetische Information und verglichen sie anschließend mit Hunderten bereits bekannten Virusgenomen aus ganz Europa. Mithilfe dieser genetischen „Stammbäume“ konnten sie nachvollziehen, wie eng einzelne Virusvarianten miteinander verwandt sind und wie sie sich über Jahre und Länder hinweg verbreitet haben. Die Analysen zeigten, dass alle untersuchten Proben zur in Europa vorherrschenden WNV-Linie 2 gehörten. Gleichzeitig fanden die Forschenden in Ungarn eine außergewöhnlich hohe genetische Vielfalt.

„Die in Ungarn zirkulierenden West-Nil-Viren gehörten zu sechs der acht wichtigsten europäischen West-Nil-Virusgruppen. Keine andere Region Europas weist bislang eine vergleichbare Vielfalt auf. Das deutet darauf hin, dass sich das West-Nil-Virus in Ungarn seit vielen Jahren dauerhaft etabliert hat und sich dort verschiedene Viruslinien parallel entwickeln und weiterverbreiten“, erklärt Dr. Gábor Endre Tóth, weiterer Letztautor der Studie.
Ungarn als Drehscheibe für die Ausbreitung des West-Nil-Virus in Europa
Die genetischen Analysen zeichnen ein klares Bild: Ungarn fungiert als eines der wichtigsten Drehkreuze für die Verbreitung des West-Nil-Virus in Europa. Die Ergebnisse zeigen, dass das West-Nil-Virus in Ungarn nicht nur dauerhaft zirkuliert, sondern dort auch eine außergewöhnliche genetische Vielfalt aufgebaut hat, die von dort aus in andere europäische Länder weitergetragen wird. Die Forschenden fanden deutlich mehr Hinweise darauf, dass Viruslinien aus Ungarn in andere Länder weitergetragen wurden als umgekehrt. Viele Virusvarianten in Österreich, Deutschland, Griechenland, Serbien und Polen lassen sich direkt oder indirekt auf ungarische Ursprünge zurückführen. Dabei kristallisierten sich zwei große Ausbreitungsrouten heraus. Eine nordwestliche Route führt von Ungarn über Österreich weiter nach Deutschland, Tschechien und Polen. Eine zweite Route verläuft südostwärts über den Balkan bis nach Griechenland. Zusätzlich erreichte das Virus entferntere Gebiete unter anderem in Italien und Spanien.

Klimawandel begünstigt die Ausbreitung des West-Nil-Virus
Das Jahr 2024 war von außergewöhnlich hohen Temperaturen, langen Dürreperioden und anschließenden Überschwemmungen geprägt. Diese Bedingungen verlängerten die Aktivitätssaison der Stechmücken, sodass sie sich besser vermehren und leichter über große Entfernungen ausbreiten konnten.
„Wir sehen den Klimawandel als einen wichtigen Treiber der zunehmenden West-Nil-Ausbreitung in Europa. Wärmere Temperaturen und längere Mückensaisons könnten künftig zu häufigeren und größeren Ausbrüchen führen. Auch könnten die Ausbrüche früher im Jahr beginnen und neue Regionen erreichen“, sagt Cadar.
Um darauf vorbereitet zu sein, fordern die Autor:innen eine eng verzahnte One Health-Überwachung, die Daten aus Human- und Tiermedizin, Mückenmonitoring und Umweltbeobachtung zusammenführt. Außerdem plädieren sie für einen stärkeren Einsatz genetischer Analysen, um Ausbreitungswege des Virus in Echtzeit nachvollziehen zu können. Klimaangepasste Frühwarn- und Präventionssysteme sowie koordinierte europäische Maßnahmen seien nötig, um gegen eine verschärfende Bedrohung der öffentlichen Gesundheit durch das West-Nil-Virus gewappnet zu sein.
Publikation
Nagy A. et al. Hungary as a source of West Nile virus diversity and spread in Europe: insights from the 2024 transmission season. Euro Surveill. 2026, DOI: 10.2807/1560-7917.ES.2026.31.16.2500785
Ansprechperson
Dr. Dániel Cadar
Leiter der AG Virus Metagenomik und Evolution
Telefon : +49 40 285380-840
Fax : +49 40 285380-400
E-Mail : cadar@bnitm.de
Dr. Anna Hein
Presse- & Öffentlichkeitsarbeit
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